Beschleunigter Bau von Rechenzentren: Untergräbt Zeitdruck etablierte Standards?
Noch nie wurden Rechenzentren so schnell realisiert. Der Wettbewerb um KI-Kapazitäten verkürzt Projektzyklen drastisch – mit Folgen für Standardisierung, Qualitätssicherung und den sicheren Betrieb moderner Datacenter.

Der wachsende Zeitdruck im Rechenzentrumsbau stellt bewährte Planungs- und Standardisierungsprozesse zunehmend infrage. Auf diese Entwicklung hat Roshan Rajeev, Vice President of Engineering bei Janitza North America, im Rahmen eines Tech-Talk-Webinars von Janitza North America mit Gastredner Alvin Nguyen (Forrester) im Januar 2026 hingewiesen.
Rechenzentrumsbetreiber müssten neue Kapazitäten immer kurzfristiger in Betrieb nehmen, um sich im schnell wachsenden KI-Markt zu positionieren. Die potenziellen Erträge für First Mover sind enorm – ebenso wie der Druck. Projekte, die früher mehrere Jahre in Anspruch nahmen, werden heute in einem Bruchteil der Zeit umgesetzt.
„Rechenzentren versuchen schon immer, ihre Projektlaufzeiten zu verkürzen“, so Rajeev. „Inzwischen hat sich dieser Druck jedoch exponentiell verstärkt.“ Teilweise sollen die Zeiten bis zur Inbetriebnahme auf ein Zehntel der bisherigen Dauer verkürzt werden.
Die Folgen seien bereits spürbar, sagte Rajeev: „Spezifikationen werden verwässert, Anforderungen gestrichen. Standards, die ursprünglich Qualität und Vergleichbarkeit sicherstellen sollten, geraten zunehmend ins Abseits.“
Das macht deutlich: Etablierte Rechenzentrumsstandards können mit den sich schnell wandelnden Marktanforderungen und verkürzten Zeitplänen kaum Schritt halten. Setzt sich dieser Trend fort, könnten Betriebssicherheit, Effizienz und langfristige Wirtschaftlichkeit leiden. Gleichzeitig betonte Rajeev, dass der gezielte Einsatz von Messtechnik, Power-Quality-Monitoring und belastbaren Energiedaten dazu beitragen kann, die Kontrolle über den Betrieb auch bei stark verkürzten Projektzeiten zu sichern.
Immenser Energiebedarf verschärft Spannungsqualitätsprobleme
Der rapide steigende Energiebedarf von Rechenzentren verstärkt diese Gesamtentwicklung zusätzlich. Mittlerweile arbeiteten Rechenzentren mit Kapazitäten von rund 160 kW pro Rack, mit spürbaren Auswirkungen auf Energieversorger und die lokale Infrastruktur: „Wir befinden uns inzwischen an einem Punkt, an dem in großem Maßstab nicht immer klar ist, wie sich die Lastschwankungen im Rechenzentrum auf das öffentliche Versorgungsnetz auswirken.“
Gleichzeitig sei die Spannungsqualität durch diese Entwicklung weiter in den Fokus gerückt. „Der entscheidende Treiber für Spannungsqualitäts-Probleme ist der steigende Energiebedarf – und vor allem die Art und Weise, wie dieser Bedarf schwankt. Die Dynamik der Lastanforderungen wirkt sich direkt auf die Netzqualität aus.“, so Rajeev. Genau diese Unvorhersehbarkeit stelle sowohl Rechenzentrumsbetreiber als auch Energieversorger vor neue Herausforderungen in Bezug auf Netzstabilität und Spannungsqualität.
Daten und Zusammenarbeit sind der Schlüssel
Gerade nach einer eng getakteten Planung und Inbetriebnahme sowie herausfordernden Lastgängen gewinnt Transparenz über den Zustand des Rechenzentrums an Bedeutung. Sie ist entscheidend für einen sicheren Betrieb, eine lange Lebensdauer und die Monetarisierung der technischen Infrastruktur.
„Gerade bei großen Skalierungen ist die Verfügbarkeit belastbarer Daten entscheidend. Hochwertige und zuverlässige Messdaten bilden die Grundlage für fundierte Entscheidungen und unterstützen verschiedene Geschäftsbereiche innerhalb eines Unternehmens“, so Rajeev. Mithilfe dieser Einblicke in Betriebs- und Leistungsdaten können die Betreiber ihre Anlagen gezielt überwachen und ihre Zuverlässigkeit langfristig sicherstellen.
Auch rücke die frühzeitige Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke bei Rechenzentrumsprojekten mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit: „Häufig wird unterschätzt, wie entscheidend es ist, bereits in einer frühen Projektphase ein temporäres Netzwerk aufzubauen“, betonte Rajeev. Auch unter Zeitdruck könne das Team dann besser frühzeitig mit der Einrichtung und Integration der Systeme beginnen.
Remote-Steuerung immer wichtiger
Rajeev erklärte zudem, dass Fernüberwachung (Remote Monitoring) an Bedeutung gewinne. Schließlich entstehen KI-Rechenzentren mittlerweile oft an abgelegenen Standorten. Eine umfassende Fernüberwachung ermögliche es, den Betrieb auch ohne Präsenz vor Ort sicherzustellen. „Nicht jede Störung erfordert sofortiges Eingreifen vor Ort. Lasten und Services können gegebenenfalls umverteilt oder priorisiert werden. Dadurch bleibt der Betrieb stabil, während notwendige Maßnahmen geplant und gezielt umgesetzt werden“, erklärte Rajeev.
Roshan Rajeev ist Vice President of Engineering bei Janitza North America und verfügt über zehn Jahre Erfahrung in der Energiemesstechnik. Alvin Nguyen ist Senior Analyst bei Forrester Research und Experte für Infrastruktur, Rechenzentrumsdienstleistungen und Halbleiter.
Text: Joachim Bär