„Die Innovationskraft des Mittelstands kann Veränderung anstoßen“
Bestsellerautor Frank Schätzing, Keynote-Speaker beim Janitza Energy Day 2026, bleibt trotz Klimakrise optimistisch. Er setzt auf die Veränderungskraft Einzelner, präzise Energiedaten – und die Innovationskraft des deutschen Mittelstands.

Herr Schätzing, Sie sind als Thriller-Autor bekannt, 2021 haben Sie das Sachbuch „Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ zur Klimakrise geschrieben. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal klar, dass wir uns mit der Klimakrise mitten in einem realen Klima-Thriller befinden?
Meine fiktiven Thriller würde es gar nicht geben, wenn die Realität nicht auch ein Thriller wäre. Richtig klar wurde es mir in den Siebzigern, als ich das Buch "Die Grenzen des Wachstums" las, den berühmt gewordene MIT-Bericht an den Club of Rome über den Zustand der Weltwirtschaft und die Zukunft unserer Erde. Dieser Studie machte klar: Da läuft gewaltig was schief!
Das Wesen des Thrillers ist ja die Eskalation. Am Anfang steht Normalität. Dann bricht etwas ein, entgleitet unserer Kontrolle, läuft zusehends aus dem Ruder. Das Gegenteil des Krimis also, wo nach anfänglicher Unordnung schrittweise die Ordnung wiederhergestellt wird. Wie bestehen wir in Krisen, die mit Kontrollverlust einhergehen? So la la. In den Siebzigern wurde klar: Wir haben uns ein globales Problem eingehandelt, ein verdammt großes. Mehr noch, es wächst. Statt aber beherzt zu handeln wie die Heldinnen und Helden im fiktiven Thriller, haben wir es eskalieren lassen.
Sie beschreiben die Klimakrise in Ihrem Buch als umfassendes Problem, das Wirtschaft, Technologie, Kultur, Gesellschaft betrifft und entsprechend komplex ist. Warum denken Sie, dass wir dieses Problem, das wir uns eingehandelt haben, überhaupt lösen können?
Weil Komplexität in gewisser Weise eine Illusion ist. Am Anfang der Menschheitsgeschichte stand der Einzelne in seiner überschaubaren Lebenswelt. Je mehr wir wurden, desto stärker sahen wir uns gezwungen, unsere Lebenswelten in Übereinklang zu bringen, um uns nicht ständig den Schädel einzuschlagen. Dafür brauchten wir Regelwerke. Mit der Zeit wurden die Regelwerke komplexer. Als Ganzes wirkt das heute unübersichtlich. Doch diese Komplexität entstand nicht top-down, also von oben aufgesetzt, sondern bottom-up, aus individuellen Lebensumständen und Verhaltensweisen heraus.
Hat sich das in unserer modernen Gesellschaft geändert?
Nein. Dekonstruiert man ein Problem, landet man immer beim Einzelnen. Wenn eine Gesellschaft umdenken soll, kann man zwar top-down Verfügungen erlassen. Wirklich geschehen kann es nur bottom-up, aus den persönlichen Umfeldern heraus. Je mehr Einzelne beschließen, umwelt- und klimagerecht zu leben, Zukunftstechnologien zu implementieren, Wertschöpfungsketten zu verbessern, desto schneller bilden sich neue Regelwerke. Ein komplexes Ganzes muss man von innen heraus ändern. Beginnend damit, dass wir handeln, statt zu klagen. Wir brauchen mehr Zuversicht, weniger Weltuntergangsstimmung.
Das ist die gesellschaftliche Seite. Sie sehen aber auch in der Ergänzung durch Technik, Automatisierung und KI zentrale Bausteine für die Lösung der Klimakrise. Nur verbraucht Technologie wie KI schon heute immense Mengen Energie. Wird uns die Technik retten – oder beschleunigt sie nur das Falsche?
Ach, wir haben in Deutschland so eine Technik-Angst. Wenn irgendwo Technik draufsteht, zucken gleich alle zusammen. Grundsätzlich gilt: Eine gute Technologie löst mehr Probleme, als sie verursacht, und eine schlechte Technologie verursacht mehr Probleme, als sie löst. Eine Technologie, die nur Probleme löst, ohne welche zu verursachen, gibt es nicht. Leider machen wir Technologien oft für Probleme verantwortlich, deren Ursache ganz woanders liegt. Wenn wir etwa Digitalisierung und künstliche Intelligenz als Energieräuber identifizieren, kann die Lösung kaum darin liegen, diese wichtigen Entwicklungen zurückzufahren, also müssen wir fragen: Was ist die wahre Ursache des Problems? Antwort: Wir sind zu langsam darin, die Menschheit vollumfänglich mit sauberer Energie zu versorgen. Die Umweltverträglichkeit von KI beginnt damit, dass wir die globale Energieversorgung zu einhundert Prozent auf Erneuerbare umstellen.
Apropos genau identifizieren, ein Leitspruch von Janitza lautet: Was man nicht messen kann, kann man nicht verbessern. Wie wichtig ist es, dass Unternehmen – nicht zuletzt in der KI-Branche – ihren Energieverbrauch transparent erfassen als Grundlage für echte Veränderungen?
Alles Messbare liefert uns Erkenntnis über den Status quo. Wer seine Daten nicht kennt, weiß nicht, was er zu verlieren oder zu gewinnen hat. Aber wir erfahren auch etwas über die Zukunft! Daten befähigen uns, bis zu einem gewissen Grad Prognosen zu treffen und Szenarien zu entwickeln, und nie war es so wichtig, alle Szenarien zu kennen. Erst dann werden wir in der Lage sein, Worst-Case-Szenarien zu vermeiden und das Best-Case-Szenario anzupeilen. Dafür brauchen wir umfängliche Daten, plus die Fähigkeit, sie sehr schnell zu analysieren, zu interpretieren und in Masterpläne umzuschmieden. Dabei ist KI unverzichtbar.
Aber auch mit den besten Daten ist die Wirkung, die ein mittelständiges Unternehmen wie Janitza leisten kann, überschaubar. Müssen für einen Wandel nicht vor allem die großen Konzerne anpacken?
Wir sollten aufhören, den Ball immer ins Feld der anderen zu spielen. Nehmen Sie einen Jumbojet. Warum fliegt der? Die meisten würden sagen, vor allem wegen der Turbinen, dem Bordcomputer und einem fähigen Piloten. Man würde zuerst die großen Systeme nennen. Und welchen Einfluss hat das klitzekleine Schräubchen im Leitwerk? Nun, es entscheidet maßgeblich mit darüber, dass der Jet überhaupt abheben kann, dass er oben bleibt und nicht wieder runterfällt.
Gleiches gilt für Unternehmen.
Genau. Big Player wie Volkswagen funktionieren letztlich durch Partnerschaften mit kleineren Unternehmen, Startups, Mittelständlern. Keiner kann ohne den anderen. Schon darum darf man die Großen nicht isoliert betrachten und ihnen die alleinige Verantwortung für den Wandel zuschanzen. Und klar, wenn ein Riese nicht veränderungswillig ist, wird der Mittelständler ihn kaum dazu zwingen können. Aber er kann seine Innovationen den Global Playern anbieten, die transformativ denken. Die machen das Rennen, die Dinosaurier verschwinden von der Bildfläche. Sprich, die Innovationskraft des Mittelstandes kann auf großer Skala durchaus Veränderung in Gang setzen. Innovation gewinnt letztlich immer, und oft kommt sie meist eher aus kleinen und mittleren Ideenschmieden. Für Janitza sind das good news, weil Sie den wichtigsten Kunden auf ihrer Seite haben: die Zukunft.
Sie haben die Innovation angesprochen. Die führt oft zu mehr Effizienz. Aber wird es für einen umfassenden Wandel überhaupt ausreichen, effizienter zu werden – oder müssen wir nicht alle grundsätzlich weniger verbrauchen?
Dazu gibt es zwei Antworten. Die eine liegt im Effizienzmanagement selbst. Nehmen Sie den Wocheneinkauf in einem durchschnittlichen deutschen Haushalt. Stellen Sie Ende der Woche fest, dass Sie zu viel gekauft haben und Lebensmittel abgelaufen sind, haben Sie Ressourcen und Geld verschwendet, ein Entsorgungsproblem geschaffen und Ihren CO2-Abdruck unnötig vergrößert. Kaufen Sie exakt so viel ein, wie Sie für die Woche brauchen, vermeiden Sie die Probleme. In beiden Fällen haben Sie das Gleiche konsumiert. Insofern ist Effizienz erst mal ein Weg, Verzicht zu vermeiden.
Wir sind aber immer noch bei der Effizienz.
Und darum braucht es die zweite Antwort. Die hat der Ökonom Kenneth Boulding 1966 in seiner Weltwirtschaftskritik „The Economics of the Coming Spaceship Earth“ gegeben: Er verglich die Erde mit einem Raumschiff, einem geschlossenen System. Mit zwar immer mehr Astronauten, aber gleichbleibend vielen Ressourcen. Wie in einem Raumschiff müssen wir mit dem auskommen, was wir haben.
Und dann eben doch verzichten.
Richtig. Populisten und Lobbyisten schüren diesbezüglich gerne ein Missverständnis: Immer weniger zu verbrauchen, hieße, am Ende zu wenig zu haben. Allerdings steht zwischen »zu wenig« und «zu viel« der schöne Begriff „genug“. Wann ist genug genug? Sieht jeder anders, dennoch gibt es eine unanfechtbare Definition: wenn keiner Mangel leidet. Was nicht heißt, dass alle fortan mit dem absoluten Existenzminimum auskommen müssen. Sondern dass wir die weltweite Ressourcenvergeudung durch eine perfekt funktionierende Kreislaufökonomie und gerechte Verteilung ersetzen und auskömmlich, aber maßvoll leben. Worauf verzichten wir dann? Auf Überfluss – von jeher der Feind wahren Genusses.
Grundsätzlich sehe ich zwei Fehlannahmen. Die eine ist, dass ich alles zu jeder Zeit in unbegrenzter Menge haben kann. Die zweite, dass ich alles umsonst oder zum billigsten Preis bekomme. »Geiz ist geil« ist Mist! Wir müssen wieder lernen, den Wert einer Ressource zu erkennen, sei sie materieller oder geistiger Art. Und wertvolle Ressourcen hat man eben nicht immer zur Verfügung.
Stellen Sie sich vor, wir sitzen hier 2036 - zehn Jahre nach dem heutigen Energy Day: Wie sieht die Welt aus, wenn wir bis dahin alles richtig gemacht haben?
2050 wären noch spannender. Aber spielen wir’s durch. Wenn wir von Stund an alles richtig machen, werden wir in zehn Jahren unseren gesamten Energiehaushalt von künstlicher Intelligenz managen lassen. Vor allem in den Städten. Wir werden weit effizienter mit unseren Ressourcen wirtschaften als heute, mit weniger Energie bessere Ergebnisse erzielen. KI-gesteuerte Netze sorgen für einen ständigen Ausgleich zwischen Energieüberschuss und Energiemangel. Kein Quant wird vergeudet.
Zweitens sehen wir kaum noch Individualfahrzeuge. Dank Weiterentwicklung des autonomen Fahrens dominieren selbstfahrende, klimaneutrale Cabs. Ich kann eines buchen, das mich zu Hause abholt, mich zu meinem Ziel bringt und sofort die nächste Fahrt aufnimmt. So minimieren wir Leerfahrten, auch im Cargo-Bereich, und weniger ungenutzte Kisten stehen herum. Wir erhöhen den Grad der individuellen Mobilität bei gleichzeitiger Senkung der erforderlichen Fahrzeuge.
Die Effizienz zieht sich durch wie ein roter Faden…
Nicht nur die, auch Innovation und Disruption. Beispiel Solartechnologie. Die werden wir ausgebaut haben zu Systemen, bei denen wir die einzelne Solarzelle gar nicht mehr sehen. Wir sind dann nicht mehr allein auf große Paneele angewiesen mit einer Energieausbeute von 18 oder 20 Prozent, sondern nutzen miniaturisierte Systeme wie Perowskit-Zellen, deren Energieausbeute zwischen 30 und 40 Prozent liegt und die wir als Lack auftragen oder in Folien verarbeiten können.
Darüber hinaus werden unsere Städte grüner sein. Urban Gardening, die Begrünung von Balkonen, Fassaden und Dächern. Begrünte Städte bieten bessere Luftqualität, sind kühl und klimafreundlich, weil Pflanzen CO2 speichern. Hinzu kommt Urban Farming, der städtische Anbau von Gemüse und Obst. Warum Obst kaufen, das um die Welt geflogen wurde, wenn es auf meinem Flachdach wächst?
Man könnte endlos so weiterdenken…
Ja, und Ihr Format sprengen. Ich beschränke mich einen letzten Punkt: Wir werden im Alltag ebenso viele Roboter sehen wie Menschen. Die Entwicklungen in der Robotik sind bahnbrechend, die sind sportlicher als jeder Mensch, rennen über Stock und Stein, vor allem aber sind sie prädestiniert für Jobs, die Menschen nicht mehr machen wollen, etwa in der Alten- und Krankenpflege. Wollen wir da Betreuungslücken akzeptieren? Oder robotische Systeme zum Einsatz bringen, die in der Lage sind, Menschen fachlich zu versorgen?
Und echte Empathie schuldig bleiben.
Können wir die von einer überforderten, unterbezahlten Krankenpflegerin erwarten, die am Tag zwei Minuten pro Patient hat? Künstliche Anteilnehme ist definitiv besser als mangelnde menschliche Wärme. Außerdem sollen Roboter nicht die besseren Menschen werden, sondern uns in einer Weise unterstützen, dass wir Zeit für Soziales und Kulturelles gewinnen. Roboter werden Jobs übernehmen, auf die Menschen erkennbar keine Lust mehr haben, vom Straßenbau bis in die Medizin. Der Roboter als Assistent wird ein Erfolgsmodell, wir werden mit Robotern zusammenleben und arbeiten.
Freuen Sie sich auf diese Welt?
Ich freue mich auf die Zukunft. Was wäre die Alternative? Sie zu fürchten? Die Zukunft kommt so oder so. An uns liegt es, ob sie mehr Gutes als Schlechtes bereithält. Utopien bleiben Utopien, wenn wir nicht darangehen, sie zu verwirklichen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Joachim Bär